Chancen und Herausforderungen
Wie geht's dem Musikunterricht im LÄND?
Der große Widerspruch
Einleitung
Der Musikunterricht in Baden-Württemberg steht unter Druck. Es geht dabei nicht nur um den Rückgang von Unterrichtsstunden oder um fehlende Lehrkräfte. Es geht um Grundsatzfragen: Wie viel Raum bleibt noch für Kreativität, kulturelle Bildung und künstlerisches Arbeiten im Schulalltag? Wie sieht die Zukunft des Fachs aus – in einer Gesellschaft, die vermehrt an der Kultur spart? Klar ist: Guter Musikunterricht in der Schule kann viel leisten. Er fördert Kreativität, stärkt Selbstvertrauen, ermöglicht Gemeinschaft. Und er hilft jungen Menschen, Kultur und Gesellschaft nicht nur zu verstehen, sondern aktiv mitzugestalten. Musikunterricht kann Kindern buchstäblich eine Stimme geben – und ihnen im übertragenen Sinn Gehör verschaffen. Doch genau dieser Raum scheint zu schrumpfen.
"Ja, der Musikunterricht in Baden-Württemberg ist definitiv bedroht."
Negativ-Berichte häufen sich: Musikunterricht werde gekürzt, durchgetaktet, immer häufiger falle er ganz aus – so die Schlagzeilen. Und tatsächlich fehlt es für guten Musikunterricht vielerorts an Lehrkräften, an Nachwuchs im Studium, an Zeit in der Schule. Hinzu kommen strukturelle Herausforderungen wie die anstehende G9-Reform, der digitale Wandel, veränderte gesellschaftliche Prioritäten – und ein zunehmendes Desinteresse vieler Schülerinnen und Schüler an musikalischer Bildung. Wer heute über schulischen Musikunterricht spricht, kommt an diesem Widerspruch nicht vorbei: Einerseits gilt das Fach als wichtig für Ausdruck, Teilhabe und Persönlichkeitsentwicklung – andererseits gerät es zunehmend unter Druck.
"Uns werden einige Steine in den Weg gelegt."
Kritische Stimmen, die vor einem weiteren Bedeutungsverlust des Musikunterrichts warnen, sind keine Einzelfälle. Im Gegenteil: Sie häufen sich. Und sie machen deutlich, dass es aus Sicht vieler nicht nur um ein Fach, sondern um eine Haltung zur Bildung insgesamt geht: Können Schulen noch Orte sein, an denen Kinder auch künstlerisch-kreative Persönlichkeit entfalten – jenseits von Leistungsdruck und Prüfungsstress? Und wenn ja: Wie wird dieses Angebot sichergestellt?
Trotz aller Probleme lohnt es sich gerade deshalb, auf das Potenzial des Fachs zu schauen. Denn gelungener Musikunterricht kann Räume öffnen, die weit über das Notenlesen hinausgehen. Um die aktuelle Lage in Baden-Württemberg besser zu verstehen und beurteilen zu können, lohnt sich deshalb ein Blick über die Landesgrenzen hinaus – auf die Situation musikalischer Bildung in ganz Deutschland.
(Hinweis: Die folgende Deutschlandkarte wurde mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt.)
Wo gibt's Diskussionen um den Musikunterricht?
Hier eine kleine Deutschlandreise.
Das war ein echter Aufreger: In Mecklenburg-Vorpommern sollten ab dem Schuljahr 2025/26 die Fächer Musik, Kunst und Theater zu einem gemeinsamen Lernbereich zusammengefasst werden. Obwohl das Bildungsministerium betont, dass keine Kürzungen vorgesehen sind, kritisieren Musikverbände die vorerst geplante Struktur. Sie befürchten, dass durch den Verbund der ästhetischen Fächer die Eigenständigkeit des Musikunterrichts verloren geht und insbesondere bei Lehrkräftemangel der Musikunterricht ganz entfallen könnte. Zudem sehen sie die musikalische Bildung und Ensemblearbeit an Schulen gefährdet.
In Thüringen wurde zum Schuljahr 2024/25 der Musikunterricht an Regelschulen und Gymnasien gekürzt. Grund ist die Einführung neuer Pflichtfächer wie Medienbildung sowie eine Schwerpunktverlagerung hin zu MINT-Fächern. Musik erhält weniger Stunden, teils bis zu zwei Stunden weniger pro Woche. Das Bildungsministerium spricht von einem ausgewogenen Kompromiss, Musikverbände sehen jedoch einen deutlichen Qualitätsverlust im Musikunterricht.
Es wurde viel gemunkelt: In Bayern sollten angeblich ab dem Schuljahr 2024/25 an Grundschulen die musischen Fächer Musik, Kunst und Werken zu einem gemeinsamen Pool mit reduziertem Stundenumfang zusammengelegt werden. Musik hätte damit seinen festen Platz im Stundenplan sogar verloren. Schnell stellte das bayerische Kultusministerium allerdings klar: Der Fächerverbund kommt nicht. Allerdings gibt es in den Jahrgangsstufen 3 und 4 ab dem Schuljahr 2024/25 nur noch 4 statt bislang 5 Stunden für die musisch-kreativen Fächer.
In Baden-Württemberg wird der Musikunterricht formal nicht gekürzt, jedoch beklagen Fachverbände schleichenden Abbau: Viele Schulen haben Schwierigkeiten, Musikunterricht vollständig zu erteilen, vor allem mangels qualifizierter Lehrkräfte. Oft werden Stundenvertretungen fachfremd erteilt oder ganz gestrichen. Der Landesmusikrat warnt vor einem schleichenden Verlust musikalischer Bildung trotz stabiler Stundentafeln auf dem Papier.
Beim Blick auf die Deutschland-Karte zeigt sich erst einmal kein schlimmer Missstand: Klar: In einigen Bundesländern gibt es Diskussionen rund um Kürzungen. Der Musikunterricht in Baden-Württemberg wird aber nicht aktiv eingeschränkt oder gar behindert. Im Gegenteil, die Situation scheint luxuriös zu sein. Baden-Württemberg bezeichnet sich selbst als "Musikland" – fast 1,6 Millionen Menschen nehmen aktiv oder als Förderer am Musikleben teil. Die Frage ist nur: Wie lange bleibt das noch so?
Denn der Teufel steckt im Detail: Viele Negativ-Synergien, Herausforderungen und strukturelle Hürden, die den schulischen Musikunterricht, und damit auch den künftigen Kulturträger Baden-Württemberg bedrohen könnten, werden erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Und dieser zweite Blick ist wichtig. Besonders, weil vielen Bürgern Einsparungen im baden-württembergischen Kunst- und Kulturetat als sinnvoll erscheinen. Das legt die Umfrage "BaWü-Check" aus dem vergangenen Jahr nahe.
Wenn es also um den zukünftigen Erhalt des Kulturbetriebs in aller Breite geht, ist es notwendig, auch auf den Schulunterricht zu schauen. Und um herauszufinden, wo der Musikunterricht in Baden-Württemberg gerade steht, wie es ihm geht, wo gekürzt und wo gefördert wird, wurden Expertengruppen aus Politik, Forschung und Praxis angefragt.
Die Bildungspolitiker
Stimmen aus dem Landtag
Andreas T. Sturm ist seit 2021 Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg für den Wahlkreis Schwetzingen. Er studierte Englisch und Evangelische Theologie in Mainz sowie Shakespeare-Studien an der Universität Cambridge. Beruflich war er als Studienrat in Viernheim und im hessischen Kultusministerium tätig. Im baden-württembergischen Landtag ist er Vorsitzender des Arbeitskreises für Bildung, Jugend und Sport der CDU-Fraktion und auch bildungspolitischer sowie kulturpolitischer Sprecher. Sturm setzt sich für einen parteiübergreifenden bildungspolitischen Konsens ein und betont die Bedeutung kultureller Bildung, einschließlich des Musikunterrichts, im schulischen Kontext. Neben seiner Mitgliedschaft im Landtag ist er als Autor tätig.
Daniel Born ist seit 2016 Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg und war bis zum 25. Juli 2025 dessen Vizepräsident. Er studierte Rechtswissenschaften in Konstanz und absolvierte sein Referendariat in Mannheim und New York. Danach war Born bei der Bundesagentur für Arbeit tätig, zuletzt in Karlsruhe. Daniel Born ist Mitglied im Ausschuss für Kultus, Jugend und Sport sowie im Ausschuss für Landesentwicklung und Wohnen. Innerhalb der SPD-Fraktion fungierte er unter anderem als Sprecher für frühkindliche Bildung und Religionspolitik. Er engagiert sich dafür, gesellschaftswissenschaftliche Fächer sowie die kulturelle Bildung – insbesondere den Musikunterricht – im schulischen Alltag zu fördern und zu erhalten.
Die Bildungsforscher
Stimmen aus der Wissenschaft
Prof. Dr. Jürgen Oberschmidt ist ein Musikpädagoge und Musikwissenschaftler. Nach dem Studium von Musik für das Lehramt an Gymnasien an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover sowie Germanistik an der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Universität Hannover war er von 1996 bis 2013 Lehrer für Musik und Deutsch am Gymnasium am Markt in Bünde. Nebenbei engagierte er sich als Kirchenmusiker und Chorleiter. 2010 promovierte er an der Universität Osnabrück mit einer Arbeit über metaphorisches Sprechen im Musikunterricht, ausgezeichnet mit dem Sigrid-Abel-Struth-Preis der Wissenschaftlichen Sozietät Musikpädagogik. Seit 2016 lehrt er an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, wo er das Institut für Musik, Kunst und Medien leitet. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Musik und Sprache, kreative Unterrichtskonzepte sowie bildungstheoretische Grundlagen des Musikunterrichts. Seit 2018 ist er Präsident des Bundesverbands Musikunterricht (BMU) und engagiert sich in verschiedenen musikpädagogischen Netzwerken.
Prof. Dr. Elisabeth Theisohn ist eine Musikpädagogin und Hochschullehrerin. Nach dem Studium der Musikpädagogik, Germanistik, Rhythmik und Elementarer Musikpädagogik an der Hochschule für Musik Freiburg und der Universität Freiburg war sie zunächst als Gymnasiallehrerin tätig. Zudem arbeitete sie als Dozentin an der Fachschule für Sozialpädagogik in Nonnenweier. 2016 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Kooperative MusiklehrerInnenbildung Freiburg“ (KoMuF), wo ihre Promotion entstand, die sie mit „summa cum laude“ abschloss. Ihre Dissertation "Kreieren – Kollaborieren – Komponieren" untersucht kreatives Handeln und Lernen beim gemeinsamen Komponieren im Musikunterricht. 2023 wurde sie zur Professorin für Musikpädagogik an die Hochschule für Musik Karlsruhe berufen und übernimmt dort die Studiengangsleitung für das Künstlerische Lehramt an Gymnasien. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Kompositionspädagogik, Demokratiebildung und die Schnittstellen zwischen Schule und außerschulischen Partnern.
Die Musiklehrer
Stimmen aus der Praxis
Bernhard Sommer ist ein Musikpädagoge und Gymnasiallehrer. Nach dem Studium der Fächer Musik und Deutsch für das Lehramt an Gymnasien unterrichtet er seit 2010 am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Hockenheim. Dort baute er als Fachbeauftragter das Musikprofil der Schule auf und etablierte erfolgreiche Bläser- und Orchesterklassen. Neben seiner Tätigkeit im Schuldienst engagierte er sich in der musikpädagogischen Nachwuchsförderung, unter anderem im Rahmen der „Mannheimer Bläserschule“ der Bläserjugend Baden-Württemberg. Als Ensemble- und Chorleiter ist er in der Region ebenfalls aktiv.
Lena Sefrin ist eine Musikpädagogin und Gymnasiallehrerin. Nach dem Lehramtsstudium unterrichtete sie zunächst an einer Deutschen Auslandsschule in London, bevor sie 2015 an das Feudenheim-Gymnasium in Mannheim wechselte, wo sie seither als Musiklehrerin tätig ist. Dort engagiert sie sich besonders für partizipative und gesellschaftlich relevante Musikprojekte. Mit ihrer Klasse nahm sie unter anderem am Wettbewerb "Ohren auf für Hanau" teil, der musikalische Zeichen gegen Rassismus setzt. In ihrer Arbeit verbindet sie musikalische Bildung mit politisch-kultureller Teilhabe und legt besonderen Wert auf kreative Gruppenprozesse im Unterricht.
Zusammen mit diesen Experten ist die Feature-Reihe "Wie geht's dem Musikunterricht im LÄND?" entstanden. In sechs Teilen soll untersucht werden, wie sich die aktuelle Situation des Musikunterrichts in Baden-Württemberg, insbesondere an Gymnasien, darstellt. Alle Folgen bauen aufeinander auf. Begleitend zu den Audio-Folgen sind die Texte auf dieser Website zu verstehen, die, mit Quellen, Statistiken und Grafiken unterlegt, Aussagen, Perspektiven und O-Töne der Experten und Interviewpartner einordnen.
Disclaimer: Diese Seite ist auf dem redaktionellen und inhaltlichen Stand vom 26.07.2025. Spätere Entwicklungen in Debatten, Berichterstattung oder in Statements wurden nicht berücksichtigt.
Wichtig: In den Audio-Folgen 1-6 spreche ich vom "Landtagsvizepräsidenten" Daniel Born (SPD). Dieser ist jedoch aufgrund des Hakenkreuz-Skandals im baden-württembergischen Landtag am 25.07.2025 aus der SPD-Landtagsfraktion sowie von seinem Amt als Vizepräsident zurückgetreten. Jedoch war Born zum Zeitpunkt der Aufzeichnung und Produktion noch Vizepräsident und Fraktionsmitglied, sowie SPD-Mitglied im Auschuss für Kultus, Jugend und Sport.
Kapitel 1
Warum uns der Musikunterricht vor Grundsatzfragen stellt
Noch bevor ein Baby seine ersten Silben formt, erklingt aus seinem Mund eine Welt aus Tönen. Da ist ein Summen, ein Lallen – melodisch, fast musikalisch – als ob das Singen der Sprache vorausginge. Und tatsächlich: Einige Studien lassen vermuten, dass Säuglinge bereits in den ersten Lebenswochen melodische Lautäußerungen entwickeln, deren Struktur an musikalische Phrasen erinnert und damit den Grundstein für spätere Sprachentwicklung legt. Durch diese Beobachtung erhalten wir Aufschluss darüber, wie wichtig musikalische Bildung für uns ist. Musik ist ein Teil unseres Menschseins, der ganz natürlich in uns schlummert und gefördert werden muss.
Doch gerade die Förderung und Weiterentwicklung musikalischer Bildung verläuft an vielen Schulen eher zögerlich. Kritiker bemängeln: Häufig werde der Musikunterricht als ergänzendes Angebot wahrgenommen – als Fach, das im Zweifel nachrangig behandelt werden kann. Verschiedene Studien und Gutachten weisen jedoch auf die vielfältigen Potenziale hin: Musikunterricht könne sprachliche Fähigkeiten, die Aufmerksamkeitsspanne, soziale Kompetenzen und die Persönlichkeitsentwicklung von Schülerinnen und Schülern positiv beeinflussen. Darüber hinaus spiele er eine wichtige Rolle bei der kulturellen Teilhabe und der individuellen Entfaltung.
"Zusammenfassend kann man (...) den empirisch begründeten Schluss ziehen, dass Musik durch rhythmische Spiele, Musizieren und Singen Synchronisierungserfahrungen vermitteln kann, die wiederum prosoziales Verhalten (Hilfsbereitschaft, Kooperation), Empathie, Engagement sowie Gemeinschaftsgefühl und Identifikation mit der Gruppe fördern."
Und neben der Diskussion um positive Effekte geht es vielen auch um Bildungsgerechtigkeit. Denn: Schulischer Musikunterricht ist gerade für Kinder aus finanziell schwachen Haushalten oft der einzige Zugang zum praktischen Musizieren. Studien zeigen das deutlich. Je höher der sozioökonomische Status (ISEI), desto häufiger musizieren Jugendliche aktiv und erhalten bezahlten Musikunterricht. Das belegt die Studie "Jugend und Musik" der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2017.
16 bis <40 (n gesamt=2.507) 40 bis <65 (n gesamt = 1.684) 65 bis 90 (n gesamt=1.033) Jugend und Musik | Ergänzende Folien 17, *ISEI=International Socio-Economic Index of Occupational Status (Indikator für Einkommen und Berufsstatus, Werte von 16 (z.B. landw. Hilfskräfte, Reinigungskräfte) bis 90 (z.B. Richter)
Musikunterricht sollte daher laut Experten als das betrachtet werden, was er in seiner besten Form ist: als ein Resonanzraum für Selbstwirksamkeit – für jeden. Denn hier erfahren Kinder und Jugendliche, dass ihre Stimme zählt. Und zwar wortwörtlich. Sie erfahren in der Schule, und oft ausschließlich in der Schule, dass sie gestalten können – egal woher sie kommen.
„Das ist der große Gewinn bei solchen Projekten, [...] dass sie genau dort ansetzen, wo wir möglichst Schüler:innen aus allen möglichen sozialen Hintergründen auch erreichen können.“
Die Stellung des Musikunterrichts an den Schulen ist also ein viel diskutiertes Thema, das nicht nur die Bildungspolitik, sondern auch Forscher und Lehrer beschäftigt. Die Frage, die in der ersten Folge der Feature-Reihe "Wie geht's dem Musikunterricht im LÄND" beantwortet werden soll, ist demnach nicht nur: Was bringt Musikunterricht Schülerinnen und Schülern? Sondern auch: Was kostet es uns als Gesellschaft, wenn wir ihn vernachlässigen?
Kapitel 2
Warum es an Lehrern mangelt
Wer den Musikunterricht stärken will, muss nicht nur neue Konzepte entwickeln, sondern auch in die Menschen investieren, die ihn gestalten. Denn gerade qualifizierte Lehrkräften fehlen vielerorts. Der Mangel an Musiklehrkräften ist jedoch kein plötzliches Ereignis, sondern das Ergebnis eines langfristigen Trends – vergleichbar mit einer langsamen, aber stetigen Erosion im Bildungsapparat. Obwohl das Problem seit Jahren bekannt ist, hat sich die Lage nicht entspannt. Im Gegenteil: Bereits die Ausbildung stellt viele Lehramtsanwärter vor große Herausforderungen. Das Musiklehramtsstudium verbindet pädagogische und didaktische Inhalte mit hohen künstlerischen Anforderungen – ein anspruchsvoller Spagat, der potenzielle Studierende nicht selten abschreckt.
„Es gibt einen großen Lehrkräftemangel im Bereich Musik. Und wir sehen, dass der Musikunterricht an Schulen hier auch großer Unterstützung bedarf.“
Aufnahmeprüfungen selektieren zudem nicht nur nach künstlerisch-pädagogischer Eignung, sondern auch unfreiwillig nach biografischer und sozioökonomischer Ausstattung der Bewerber. Wer keine Frühförderung, kein eigenes Instrument, kein familiäres Kapital mitbringt, bewirbt sich oft erst gar nicht. Besonders seit der Corona-Pandemie 2020 fallen die Bewerberzahlen fürs Musiklehramt ab, wie eine entsprechende Studie des Statistischen Bundesamtes aus dem Mai 2024 zeigt.
Quelle der Daten: Studienanfänger:innen und Absolvent:innen eines Lehramtsstudiums Musik an Musikhochschulen, Universitäten, Pädagogischen Hochschulen und sonstigen Hochschulen Quelle: Statistisches Bundesamt Daten: Studien- und Prüfungsjahre 2008 bis 2022
Der Studentenmangel wird dann zum Lehrermangel. Und der hat spürbare Folgen. An deutschen Gymnasien und besonders an Sekundarschulen fällt Musikunterricht laut Schülerangaben häufig oder gelegentlich aus – bei 20 % der Befragten Gymnasialschüler mindestens „ab und zu“. Das legt die Studie "Ausfall des Musikunterrichts an Gymnasien und Sekundarschulen (9. und 10. Klasse)" vom Deutschen Musikinformationszentrum (miz), basierend auf einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach nahe.
Quelle der Daten: Ausfall des Musikunterrichts an Gymnasien und Sekundarschulen (9. und 10. Klasse), Herausgeber: Deutsches Musikinformationszentrum (miz), basierend auf einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, Erscheinungsjahr: 2015, Befragungszeitraum: März 2015, Stichprobe: 532 Schüler:innen der 9. und 10. Klassen allgemeinbildender Schulen in Deutschland
Quelle: Jugend/Kunst/Erfahrung. Horizont 2015 – Eine Repräsentativbefragung des Instituts für Demoskopie Allensbach, initiiert vom Rat für Kulturelle Bildung.
Zum Thema Lehrermangel gab es immer wieder große Diskussionen. Aber keine war je so groß wie die um die"Geisterlehrer". Denn: Wie verschiedene Medien berichten, wurde in Baden-Württemberg 2025 eine historische IT-Panne entdeckt. Ein Softwarewechsel aus dem Jahr 2005 zur Verwaltung von Lehrerstellen hatte laut dpa-Recherchen dazu geführt, dass offene Positionen über 20 Jahre fortlaufend als "besetzt" geführt wurden – obwohl sie tatsächlich unbesetzt blieben. Das Land Baden-Württemberg streitet jedoch ab, dass die Computerpanne den Lehrermangel, überfüllte Klassen oder Unterrichtsausfall verursacht habe. Das sei eine "absurde Behauptung", erklärte ein Ministeriumssprecher. Man habe zudem früher gar nicht ausreichend Bewerber gehabt, um die Stellen überhaupt besetzen zu können. Dafür hat das Kultusministerium jedoch keine Zahlengrundlage vorgelegt. Die Bewerberlage sei jetzt aber "besser als früher" – unter anderem, weil die Regierung mehr Studienplätze geschaffen habe.
"Wir können alles – außer zählen!"
Fest steht aber: Im Juli 2025 ergab eine systematische Neukalkulation rund 1.440 Lehrerstellen, die seit zwei Jahrzehnten unentdeckt vakant waren. Der Fall wurde scharf diskutiert und von einigen Medien zynisch kommentiert. "Wir können alles – außer zählen!", schimpft die BILD-Zeitung in einem Artikel und bezieht sich dabei auf den BW-Slogan "Wir können alles – außer Hochdeutsch".
Laut einem Bericht des "Münchner Merkur" vermutet der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Andreas Sturm, hinter der IT-Panne mehr als nur einen Einzelfehler. Vieles deute seiner Einschätzung nach auf ein strukturelles Problem im Kultusministerium und auch im Finanzministerium hin. Sturm fordere daher eine umfassende Aufarbeitung des Vorgangs und stelle die kritische Frage, wie es sein könne, dass ein solcher Fehler über so viele Jahre hinweg weder im Kultus- noch im Finanzministerium aufgefallen sei.
"Ein bildungspolitischer Super-GAU, verursacht durch eine Kultusministerin, die ihr Haus nicht im Griff hat."
Scharfe Kritik kam auch von der FDP-Fraktion im Landtag. Der baden-württembergische FDP-Fraktionsvorsitzende Hans-Ulrich Rülke bezeichnete die Panne als „bildungspolitischen Super-GAU, verursacht durch eine Kultusministerin, die ihr eigenes Haus nicht im Griff hat“. Dass das Kultusministerium zwanzig Jahre mit Stellen geplant habe, die gar nicht existieren, sei "schlichtweg unglaublich". Hier sollte aber erwähnt werden, dass der Fehler aus dem Jahr 2005 stammt. Verursacht hat ihn Theresa Schopper also nicht. Entdeckt hat ihn allerdings auch niemand. Schopper äußerte sich in einem ersten Statement fassungslos.
„Ich war genauso schockiert und war auch wirklich erschrocken.“
Brisant: Bereits 2024 will der Landesschülerbeirat (LSBR) laut einer eigenen Pressemitteilung Unstimmigkeiten im baden-württembergischen Haushalt bemerkt haben. Unstimmigkeiten, auf die das Kultusministerium trotz Presseanfrage seitens des LSBR nicht regiert habe und damit seine Informationspflicht verletzt habe.
"Bereits im August 2024 hatte der LSBR Unstimmigkeiten bei den nicht abgerufenen Haushaltsmitteln im Kultusministerium festgestellt. Die daraufhin gestellte Anfrage blieb unbeantwortet. (...) Ebenfalls hatte der LSBR (...) einen zusätzlichen Bedarf von 1.500 Lehrkräftestellen festgestellt – eine Zahl, die erschreckend nah an den nun aufgedeckten 1.440 Geisterstellen liegt."
Das Kultusministerium entgegnete in einer sofortigen Stellungnahme, dass es sich nicht ohne Weiteres erschließe, wie jemand "ohne Einblick in die Personalverwaltung" bei einem "faktischen Stellenüberhang" eine nicht korrekte Stellenzahl begründen könne. Trotzdem versprach das Kultusministerium, "den Behauptungen des LSBR" nachzugehen.
Die IT-Panne ist wie Öl im Feuer der Debatte um die Einstellungspolitik des Landes. Besonders schwer lassen sich jetzt die Einsparungen am Personal in jüngster Zeit erklären. Und am wenigsten, dass immer wieder gut ausgebildete Lehrer nicht eingestellt oder sogar in die Sommer-Arbeitslosigkeit geschickt wurden – mit dem Verweis auf einen faktischen Stellenüberschuss an den Gymnasien (wird noch Thema in Kapitel 3). Kultusministerin Theresa Schopper zeigte sich in Bezug auf die IT-Panne "erschrocken" und versprach eine Aufarbeitung mit "Volldampf". Aber: Wie diese Volldampf-Aufarbeitung mit Blick auf den baden-württembergischen Doppelhaushalt 2025/2026 aussehen soll, ist fraglich. Die Landesregierung stellt dem Kultusministerium laut SWR-Berichten jedenfalls am meisten Geld zur Verfügung (ca. 29 Mrd. Euro für beide Jahre, siehe Grafik unten, Angaben in Mio. Euro).
Ob die vakanten Stellen mit einem finanziellen Gegenwert von geschätzten 120 Millionen Euro (Quelle: SWR) schnell nachbesetzt werden können, ist zurzeit aber nicht klar. Denn: Die unbesetzten Stellen haben sich über die letzten 20 Jahre aufgestaut – und müssen jetzt besetzt werden. Und momentan ist nicht klar, ob das Geld reicht. Auch baden-württembergische Ex-Kultusminister wie Andreas Stoch (SPD) rücken durch die Panne in den Fokus und geben erste Stellungnahmen ab. Stoch stellte zudem indirekt die Frage nach dem Verbleib der vermeintlich eingesparten 120 Millionen Euro.
"Warum merkt man nicht, dass in jedem Jahr etwa 120 Millionen Euro übrig bleiben?"
Zudem kann der Mangel noch nicht exakt nach Fächern aufgeschlüsselt werden. Und: Selbst wenn die 1440 Lehrer eingestellt worden wären, wäre der damit Lehrermangel nicht beseitigt gewesen. Dennoch hätten die unbesetzten Stellen sicher punktuell viele Musiklehrer mit Zweitfächern entlasten können.
Es geht jedoch nicht nur um fehlende Fachkräfte. Es geht um das Signal, das der Mangel senden könnte. Und das ist: Musikunterricht ist nachrangig. Er darf ausfallen, weil er vermeintlich keine Grundlagenkompetenz vermittelt. Dabei ist gerade der Musiksaal für viele Kinder der einzige Ort, an dem sie Musik erfahren. Wenn dieser Raum leer bleibt, bleibt vielen eine wichtige Erfahrungswelt verschlossen. Der Mangel an Musiklehrkräften könnte, sollte sich der Negativ-Trend fortsetzen, von einem reinen Personalproblem zu einer ernsten kulturellen Lücke im Musikland werden. In der zweiten Folge meiner Feature-Reihe "Wie geht's dem Musikunterricht im LÄND?" soll das Phänomen Lehrermangel genauer beleuchtet werden. Es geht bei diesem Riesen-Thema um Überblick: Welche Debatten werden geführt? Und: Was muss sich in der Ausbildung tun?
Kapitel 3
Streitfall G9: Schauen die musischen Fächer in die Röhre?
G9: Das klingt erst einmal nach mehr Schule, nach mehr Zeit zum Lernen, nach besseren Bedingungen für umfassende Bildung. Trotzdem gibt es Kritik gegen die neue Reform. Der Vorwurf: Die gewonnene Zeit werde sofort wieder vergeben – an neue Fächer, neue Schwerpunkte, neue gesellschaftliche Erwartungen. Was dabei oft verloren gehe, sei genug Zeit für Musik und Kunst. Denn bei vielen weiteren einstündigen Fächern bleibt wohl künftig in der Mittelstufe, etwa in der siebten Klasse, wenig Zeit für lange Projekte im Musikunterricht. Dagegen regt sich bei vielen Lehrern Unmut. Sogar eine erste Demo von Musiklehrern gab es schon.
Kritiker sehen den Musikunterricht zunehmend in der Konkurrenz zu Fächern wie Informatik, Medienbildung oder Wirtschaft – Fächer mit Schwerpunkten, deren wirtschaftlicher Nutzen leichter zu begründen ist. Musikunterricht hingegen müsse seinen Wert oft erneut erklären, als Fach für Ausdruck, Erfahrung und Emotion. Doch genau das lässt sich schwer in feste Module pressen. Bildungsexperten sind sich einig: Guter Musikunterricht braucht mehr als Zeit im Stundenplan – er braucht Muße. Kunst folgt einem anderen Rhythmus als Effizienzvorgaben. Ihr pädagogisches Potenzial, von Teamarbeit bis zur Demokratiebildung, entfaltet sich nur, wenn Bildung mehr sein darf als Output. Doch das braucht Zeit. Und die soll im neuen G9-System knapp werden. Die Befürchtung: Weniger zusammenhängende Stunden für Musik in der Schule könnten auch den Stellenwert des Fachs mindern. Wer praktisch musizieren will, ist dann entweder auf Kooperationen seitens der Schule angewiesen oder muss privaten Unterricht in Anspruch nehmen. Doch das kann sich nicht jeder leisten.
"Das Thema betrifft auch den sozio-ökonomischen Hintergrund der Elternhäuser und damit die Bildungschancen der Kinder. Sicher werden viele Eltern ihren Kindern in der zusätzlichen Freizeit nun wieder verstärkt private Zusatzangebote im Sportverein und in der Musikschule ermöglichen und diese bei Bedarf auch in den Nachhilfeunterricht schicken. Diesen Zusatzaufwand können sich aber nicht alle Eltern leisten."
Kooperationen mit Musikschulen, Bläserklassen oder AGs können hier vor allem im Grundschulbereich und auch an Gymnasien ergänzend wirken; und tatsächlich bestehen die meisten Kooperationen von privaten Musikschulen mit öffentlichen Bildungseinrichtungen (siehe Grafik unten). Diese Kooperationen können guten Musikunterricht jedoch nicht ersetzen, da es für diesen eine vorhandene musikalische Infrastruktur an den Schulen braucht – also: Lehrer, Räume, Organisatoren.
Die Mehrheit der öffentlichen Musikschulen im VdM kooperiert mit Grundschulen (77 %) und Kindergärten (64 %), während Kooperationen mit weiterführenden Schulen, Kirchen oder Vereinen deutlich seltener sind.
Die Debatte um G9 ist zudem eng verbunden mit den Diskussionen um den Lehrermangel in Baden-Württemberg. Nach der großen IT-Panne, die derzeit als „bildungspolitischer Skandal“ Schlagzeilen macht, rückt auch die Einstellungspolitik für junge Lehrkräfte in Baden-Württemberg der vergangenen Jahre zunehmend in die Kritik. Jüngst machte das Kultusministerium diesbezüglich wieder Negativ-Schlagzeilen. Hintergrund ist die G9-Reform. Denn in Baden-Württemberg finden viele junge Lehrerinnen und Lehrer derzeit keine Stelle an Gymnasien.
Der Grund ist die Umstellung von G8 auf G9, wodurch vorübergehend weniger Unterricht und somit weniger Lehrkräfte gebraucht werden. Obwohl es langfristig wieder mehr Bedarf geben wird, sind aktuell deutlich mehr Bewerber als Stellen vorhanden. Das Kultusministerium schlägt vor, dass die Betroffenen vorübergehend an anderen Schularten unterrichten und später ans Gymnasium zurückkehren. Viele empfinden das jedoch als unfaire Zwischenlösung. Eine enttäuschte Nutzerin schreibt unter einen SWR-Artikel zu diesem Thema etwa:
"Ich bin extrem sauer und werde mich in anderen Bundesländern bewerben."
Es geht bei der Diskussion um die G9-Reform also nicht darum, einer alten Stundentafel hinterherzutrauern. Es geht darum, fachlich ansprechenden und gewinnbringenden Musikunterricht weiterhin für alle realisieren zu können – personell und zeitlich. Denn wenn der nicht mehr wie gewohnt stattfindet, schwindet ein Teil gesamtheitlicher Bildung, der vor allem in finanziell schwachen Haushalten nicht aufgeholt werden kann (Kapitel 1). In der dritten Folge meiner Feature-Reihe "Wie geht's dem Musikunterricht im LÄND?" rückt deshalb die Einschätzung von Experten in den Fokus: Wo liegen die größten Baustellen bei G9? Ist der Musikunterricht in Gefahr? Und: Wie stehen Regierung und Opposition zum neuen Modell?
Kapitel 4
Zwischen Bach und Beyoncé: Wie holt man die Schüler zurück?
Was ist guter Musikunterricht? Vielleicht der, an den man sich erinnert – an das erste Lied, das man mitsang, an das Proben, das Scheitern, das Gelingen. Musikunterricht schafft Erfahrungen, nicht nur Ergebnisse. Doch immer weniger Jugendliche nehmen diesen Raum für sich in Anspruch: Musik-Leistungskurse brechen bundesweit ein. Laut einer Studie des Deutschen Musikinformationszentrums (miz) hat sich die Zahl der Teilnehmenden seit 2010 sogar halbiert.
Der Anteil der Schüler:innen in Musik-Leistungskursen an der gymnasialen Oberstufe ist seit 2010 kontinuierlich gesunken – von 2,5 % auf nur noch 1,2 % im Schuljahr 2022/23. Datenbasis: Im Schuljahr 2010/11 nahmen noch 17.069 Schüler:innen an Musik Leistungskursen teil → 2,5 % der Oberstufenschüler:innen. Im Schuljahr 2022/23 waren es nur noch 7.359 Schüler:innen → 1,2 %, also mehr als halbiert.
Was also tun? Klar ist: Musikunterricht muss wieder relevanter für Schülerinnen und Schüler werden – und das nicht über mehr Theorie, sondern über echte musikalische Erfahrungen. Was bleibt, sind meist nicht Fachbegriffe, sondern gemeinsame Erlebnisse: das Musizieren, das Gelingen, das Gefühl, gehört zu werden. Bildungsforscher fordern deshalb: mehr Musik im Musikunterricht – und zwar solche, die Jugendliche auch tatsächlich erreicht.
„Wir sollten insgesamt sowieso wesentlich mehr dorthin kommen, dass wir den Schulmusikunterricht verstehen, auch als Plattform des eigenen Musizierens, des eigenen sich-ausdrücken-Könnens in Musik.“
Praktisches Musizieren im Unterricht oder in AGs gelingt nicht immer – oft fehlen sowohl Lehrkräfte als auch motivierte Schülerinnen und Schüler (siehe Kap. 2). Hinzu kommt: Inhalte erreichen viele Jugendliche nicht mehr. Der Musikunterricht gilt als „nicht anschlussfähig“, heißt es aus der Praxis. Gründe könnten in veränderten demografischen Strukturen oder in Interessen liegen, die mit dem Lehrplan kaum noch übereinstimmen. Die Folge: Fächer wie Musik werden früh abgewählt. Fachleute fordern daher mehr Musik im Unterricht, die Jugendliche wirklich anspricht – auch aus nicht-westlichen Musikkulturen, die laut dem Musikpädagogen Jürgen Oberschmidt in Baden-Württemberg bislang zu wenig Beachtung finden.
"Der Musikunterricht hat sich eigentlich in vielen Regionen sehr stark in diese Richtung geöffnet. Hier in Baden-Württemberg kann ich das noch nicht so unbedingt feststellen."
Musikunterricht, der gelingt, folgt selten einem starren Schema. Er kann Raum für Vielfalt, Unvorhergesehenes und spontane Auseinandersetzung mit musikalischen Inhalten bieten. Dabei stellt sich zunehmend die Frage, wie sehr sich der Unterricht an den Hörgewohnheiten der Schülerinnen und Schüler orientieren sollte – also an dem, was ihre Lebensrealität und kulturelle Ausdrucksformen prägt. Das muss nicht zwangsläufig eine Anpassung an aktuelle Trends bedeuten, wohl aber die Suche nach Anschlussfähigkeit. Expertinnen und Experten betonen, dass Musikunterricht heutige Lebenswelten nachvollziehbar machen sollte. Doch wie lässt sich das im schulischen Alltag umsetzen? Und welchen Spielraum haben Lehrkräfte angesichts verbindlicher Bildungspläne? Nachfrage bei Musiklehrer Bernhard Sommer.
"Einerseits ist der Musikunterricht sehr offen. Jeder Musiklehrer, jede Musiklehrerin kann ihn nach eigenem Gusto gestalten. Der eine ist ist von Haus aus Sänger, der andere ein Bläser, der der nächste ist Geiger oder Pianist. Aber das macht es eben auch so schwierig. In anderen Fächern ist das stringenter."
Die Frage, was guten Musikunterricht ausmacht, ist daher auch eine bildungspolitische. Sie fragt: Was trauen wir Kindern zu? Und: Wie viel Pluralität und Vielfalt halten wir in der Schule aus? Auch in der Politik verstehen viele den Musikunterricht als Proberaum für Gesellschaft. Und die soll vielfältig unterrichtet werden, um danach auch Vielfalt zu leben, meint Daniel Born von der SPD-Opposition im Landtag.
"Musikunterricht ist Vielfaltsunterricht."
Jetzt richtet sich der Blick auf die Realität im Klassenzimmer: Welche Inhalte erreichen die Schüler:innen noch? Was muss sich ändern, wo hinkt der Musikunterricht hinterher? Folge vier meiner Feature-Reihe "Wie gehts dem Musikunterricht im LÄND?" fragt, wie das wichtige Fach Musik wieder attraktiver werden kann – und ob es das überhaupt muss.
Kapitel 5
KI, Tablets, Musik-Apps: Die Digitalisierung als Rettung?
Wenn Maschinen oder Computer Musik komponieren, tun sie das schneller, effizienter und oft auch gefälliger als Menschen. Sie analysieren Millionen Melodien, synthetisieren und emulieren musikalische Stile. Im Prinzip äffen sie echtes Künstlertum also nur nach. Wir merken beim Hören meistens ziemlich schnell: Da fehlt das gewisse "Etwas". Also: die Emotion, der Ausdruck, das Menschliche in der Musik. Das sagt viel über den emotionalen Wert von Musik aus. Denn der scheint meistens mehr von Authentizität als von künstlerischer Perfektion abhängig zu sein.
Diese Authentizität wird auf die Probe gestellt. Der Vormarsch der Künstlichen Intelligenz ist längst kein Randphänomen mehr. KI-Tools verändern nicht nur künstlerisches Schaffen, sondern vermehrt auch die schulische Bildung. Es wird viel diskutiert über die Art und Weise, wie diese neuen technischen Möglichkeiten dort integriert werden können, ohne Schaden anzurichten. Apps, Plattformen, KI-Chatbots – sie alle versprechen schnelle Ergebnisse, automatisiertes Feedback, personalisierte Lernwege. Und das ist ja eigentlich ein Lichtblick für Fächer wie Musik, die aktuell mit enormem Schülermangel (vgl. Kapitel 4) und Lehrermangel zu kämpfen haben (vgl. Kapitel 2 und 3). Vermehrt wird daher von Fachleuten geprüft, wie digitale Tools den Musikunterricht ein Stück smarter machen können. So gibt es beispielsweise seit 2014 die Forschungsstelle Appmusik (FAM).
Diese Forschung ist wichtig: Denn allen kritischen Stimmen zum Trotz hat die Digitalisierung des Musikunterrichts großes Potenzial. Sie kann niederschwellige Zugänge zum Musizieren schaffen und damit kulturelle Barrieren senken, Neugier wecken und Schüler anziehen, die als Digital-Natives eine noch nie dagewesene, emotionale Bindung zur digitalen Medienkultur haben. Das beobachtet auch Christian Augustyn vom Institut für Medienpädagogik, IKT und E-Learning der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz. Er hat ein Papier zum Thema "iPad im Musikunterricht, Motivation zum praktischen Musizieren mit Hilfe neuer Tablet-Computer" veröffentlicht. Dabei ging er der Frage nach, inwieweit digitale Lerntools wie iPads die Motivation von Schülern stärken können.
„Ich konnte beobachten, dass der Einsatz neuer Technologien, in meinem Fall iPads, auf die intrinsische Motivation von Schüler/-innen positiven Einfluss hat. Das zeigte sich durch das konzentrierte, eifrige Arbeiten und die vielen Fragen, die gestellt wurden.“
Ähnliches vermutet auch der Bildungsforscher Prof. Dr. Jürgen Oberschmidt von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Für ihn bieten digitale Tools ebenfalls eine einfache Art Starthilfe hin zum eigenen musikalischen Schaffen. Hier könnten dann auch Schüler profitieren, die bislang noch keinen Zugang zur Musik finden konnten. Denn manche haben nur in der Schule Zugang zum praktischen Musizieren (vgl. Kapitel 1).
"Digitale Tools ermöglichen eine individuelle Aneignung von Wissen und auch ein Gestalten von Musik, das die individuellen Kompetenzen berücksichtigen kann - die Digitalisierung fungiert hier als Lernbegleiter oder auch als ein Hilfsmittel, weil andere Kompetenzen noch fehlen."
Doch für andere kann die Digitalisierung nicht nur helfen, sondern auch entkoppeln: von der Körperlichkeit des Singens, von der Unmittelbarkeit von Klang und Ausdruck, von der sozialen Erfahrung, gemeinsam Musik zu machen. So etwa argumentiert der SPD-Politiker Daniel Born. Er spricht aber nicht nur von künstlerischem Ethos, sondern auch vom Unterschied zwischen Künstlern, Komponisten – und Kunden.
"Wenn unsere einzige Aufgabe später darin besteht, diverse Jinglefetzen zu einem neuen Lied zusammenzusetzen und dann zu programmieren, wie irgendein Avatar das Ganze auf die Bühne bringt, dann sind wir nur Kunden von dem, was andere programmiert haben."
Die Fragen in der fünften Folge meiner Feature-Reihe "Wie geht's dem Musikunterricht im LÄND?" sind: Was ist "guter" digitaler Musikunterricht? Und: Wie können wir verhindern, dass kulturelle Bildung am Ende zur technischen Bedienung verkommt?
Kapitel 6
Chor, Orchester, AGs: Überlebt die Musik nur durch Mehrarbeit?
Es sind nicht die großen Auftritte, die den Musikunterricht so wertvoll machen – es ist die verlässliche Wiederholung: die wöchentliche Probe, das gemeinsame Üben und Erleben von Kultur. In dieser Kontinuität liegt für viele Musikpädagogen die eigentliche Stärke ihres Fachs. Musikunterricht kann einen niedrigschwelligen Zugang bieten, der Teilhabe ermöglicht. Und das unabhängig von Leistung oder Vorerfahrung. Musikunterricht wird von vielen Lehrern als Gemeinschaftsprojekt verstanden. Doch dieses Projekt steht und fällt mit den Menschen, die es tragen. Lehrkräfte stemmen den Fachunterricht oft unter schwierigen Bedingungen – mit hohem persönlichem Einsatz. In den Gesprächen mit Musiklehrkräften zeigt sich: Was sie leisten, ist oft mehr als Dienst nach Vorschrift. Und dieser Ruf eilt ihnen voraus.
„Gerade Musiklehrkräfte sind ja dafür bekannt, dass sie überdurchschnittlich viel Engagement in der Schule haben. Sei es bei einem Musical, sei es bei einer AG – das sind ja unzählige Stunden."
Doch genau hier liegt das Problem: Ein Gemeinschaftsprojekt wie Musikunterricht braucht verlässliche Rahmenbedingungen. Ohne Zeit, Räume, Instrumente, – und ausreichend qualifiziertes Personal – droht aus dem Ideal der Teilhabe ein brüchiges Provisorium zu werden. Engagement allein kann auf Dauer nicht kompensieren, was strukturell fehlt.
"Wenn man mehr Musikstunden zur Verfügung hätte, dann hätte auch das ganze Fach innerhalb der Schulgemeinschaft viel mehr Stellenwert."
Lehrkräfte machen deshalb deutlich: Wertschätzung ist wichtig – reicht aber nicht aus. Es braucht politische Entscheidungen, die den Musikunterricht nicht nur ermöglichen, sondern gezielt absichern. Und genau hier fühlen sich Musiklehrer – und Lehrer im Allgemeinen – nicht gehört. Insbesondere in Baden-Württemberg. Der Vorwurf hier: Mehrarbeit bleibe unbezahlt, der Dienstherr verweigere Ausgleichstage. Sogar eine Klage gegen den Staat hat es deswegen in diesem Jahr gegeben.
Am Ende geht es um Vertrauen: in Lehrkräfte, die mehr leisten als Wissensvermittlung – denn sie gestalten kulturelle Erfahrungsräume. In Schülerinnen und Schüler, die als aktive Mitgestaltende ernst genommen werden. Und in Musik als Bildungsmedium, das über Leistungsmessung hinaus Wirkung entfalten kann. Dieses Vertrauen entsteht nicht von selbst. Es braucht verlässliche Strukturen, langfristige und absichernde Rahmenbedingungen – und eine klare bildungspolitische Haltung: Musikunterricht ist kein Zusatzangebot. Denn für die, die ihn unterrichten und erleben, gehört er zum Fundament partizipativer und kulturell vielfältiger Bildung.