Notizen einer Annäherung

zum Bandportrait "unterwegs zuhause... Mit: Djaro und die anonymen Melancholiker"

Für meine Abschlussarbeit im Bereich Musikjournalismus wähle ich das Medium Film. Denn hier sehe ich eine Möglichkeit, um meine journalistischen Fähigkeiten mit meinem Drang nach kreativem Ausdruck bestmöglich in einem Produkt zu verbinden.
Diesem Film geht keine These voraus, sondern vielmehr eine Beobachtung. Eine Beobachtung an mir selbst: In Zeiten von spotify, instagram und YouTube konsumiere ich so viel Musik, dass die wirkliche Auseinandersetzung mit vielen Künstler*innen zunehmend in den Hintergrund gerät. Wer steckt da wirklich hinter der Musik? Was sind persönliche und musikalische Beweggründe? Welche Meinungen vertritt Künstler*in XY? Fragen, denen ich - auch trotz meines Studiums - zu selten nachgehe, so auch bei Musiker*innen, deren Musik ich gerne höre. Für mich als Musikjournalisten sehe ich diese Entwicklung sehr problematisch, geht es in diesem Berufsfeld doch genau um diese Auseinandersetzung und um die Kontextualisierung von Kunst bzw. Kunst schaffenden Personen. Deshalb war es mir ein Anliegen, mich im Rahmen eines Portraits tiefgehender mit einer Band zu befassen, sie dokumentarisch zu begleiten und mich gleichzeitig mit ein paar für mich wichtigen Fragen auseinanderzusetzen - als Filmemacher, sowie als Musikjournalist und Privatperson:

Wie nähert man sich Musik audiovisuell an? also: wie findet man die passende Bildsprache?
Wieviel Freiheit habe ich als Filmemacher, wenn ich die Kunst von jemand anderem abbilde?
Welches Format bietet sich an, um sowohl Künstler*in als auch Kunst bestmöglich erfahrbar zu machen?

Zwischen Inspiration und Bestärkung

Parallel zu meinen Dreharbeiten mit der Linzer Chanson-Band Djaro und die anonymen Melancholiker unterhalte ich mich zusätzlich mit Personen aus den Bereichen Regie, Musikwissenschaft und dem Genre der Band, um mich über o.g. Fragen und Herangehensweisen austauschen. Da der Film nicht explizit aufzeigt, weshalb die Wahl auf diese Personen gefallen ist und welche Essenz für mich persönlich jedes Gespräch hatte, bekommt hier jede Gesprächspartnerin und jeder Gesprächspartner noch einmal etwas Raum.

Denis Herzog empfängt mich bei sich zuhause in Halle. Er ist Filmemacher - und kein konventioneller. Aufmerksam auf ihn werde ich über seinen Film STIR, den ich auf der Seite des mdr sehe. Er dient meiner Themenfindung und meiner Arbeit selbst als große Inspirationsquelle. Denn hier sehe und lese ich erstmals etwas von einem hybriden Dokumentarfilm: eine Mischung aus dokumentarischem und musikalischem Roadmovie. Denis erreicht das nicht nur durch die Verwebung von Doku und spielfilmartigen Sequenzen, sondern besonders durch seine künstlerischen Eingriffe in das Doku-Material selbst, zum Beispiel durch eingearbeitete Animationen. Mein Bild des "herkömmlichen" Dokumentarfilms wird dadurch erweitert und stellt mich vor die Frage, wie stark man als Filmemacher eingreifen darf, wenn man die Kunst einer anderen Person filmisch abbildet. Das Gespräch mit Denis bestärkt mich als "Filmneuling" darin, mich in einem "hybriden" Rahmen filmisch auszuprobieren. Außerdem wirken sich seine Ratschläge, bspw. nicht immer alles bis ins kleinste Detail durchzuplanen, insofern auf mich aus, dass ich entspannt und mit viel Vertrauen in den "Lauf der Dinge" in die weiteren Treffen mit der Band gehe.
Denis meint außerdem, er möchte mit seinen Projekten so viele Menschen wie möglich erreichen, also niemanden ausschließen; folglich spielt für ihn der Aspekt der Zielgruppenfindung keine große Rolle in der Konzeptualisierung eines Filmes. Stand der Aspekt der Zielgruppenfindung zu Beginn der meisten bisher anstehenden Projekte, so eröffnet sich mir durch diese Äußerung eine ganz neue Sichtweise auf diesen Aspekt. Ganz im Zentrum meines Arbeitsprozesses steht nach diesem Gespräch also meine Intuition, sowie die Überzeugung, meine eigene Sichtweise auf die Band nach außen zu tragen.

Regina Schilling steht mir in Berlin Rede und Antwort. Dass ich die Regisseurin mal im Rahmen meiner Masterarbeit besuchen werde, hätte ich mir 2023 wohl nicht gedacht: In diesem Jahr kommt ihr Portrait über den Starpianisten Igor Levit heraus (Igor Levit - No Fear), das mich wie Herzogs Portrait auch, aber auf eine ganz andere Art und Weise begeistert. Regina Schilling greift objektiv betrachtet zwar deutlich weniger ins Bildmaterial ein als ihr Kollege, am Ende des Filmes ist für mich dennoch auch hier etwas klar ersichtlich: eine ganz persönliche Handschrift. Da Schilling nach außen hin betrachtet ein eher herkömmliches Portraitformat pflegt, aber diesen ganz individuellen Zauber transportiert, tauschen wir uns u.a. darüber aus, inwiefern Objektivität im Dokumentarfilm nicht eher ein Mythos ist. Was muss ein Portrait überhaupt leisten? Und welche Verantwortung hat man gegenüber der abgebildeten Person, sowie gegenüber dem Publikum? Als ich Regina Schilling treffe, sind meine Dreharbeiten mit der Band bereits abgeschlossen, die Arbeit im Schneideraum ist jedoch noch in vollem Gange: Ein Prozess, in den ich nach diesem Gespräch mit ganz viel Zuversicht und Spaß gehe.

Mit Philipp Jedicke treffe ich mich in Köln. Wie Herzog und Schilling ist auch er Filmemacher und ganz bewusst in meiner Auswahl an Gesprächspartner*innen gelandet: Seine Filme shut up and play the piano über Chilly Gonzales und vienna calling über die Wiener Musikszene haben mich gleichermaßen fasziniert und inspiriert. Shut up and play the piano lebt von einer starken Inszenierung sowie Vermischung von Dokumentar- und Spielfilm. Was vienna calling für mich interessant gestaltet, sind die Musikvideosequenzen, die Jedicke mit Protagonist*innen wie Nino aus Wien, Voodoo Jürgens oder Esra Özmen in die dokumentarische Beobachtung einfließen lässt. Doch auch Jedickes Profession als Journalist macht ihn für mich als Gesprächspartner interessant: So tauschen wir uns darüber aus, wie kreativ Musikjournalismus sein darf, ohne den Sinn eines Doku-Portraits zu verfälschen. Auch über das Format und die Chancen des Hybriden, das ich erstmals bei Herzog aufgegriffen hatte, unterhalten wir uns: Jedicke bestärkt mich in dem Vorhaben, Musikvideos zu verarbeiten, um die Kunst der Band auch visuell erfahrbar zu machen und um eigene Gefühle im Dokumentarfilm unterbringen zu können.

Annette Postel ist Chansonsängerin. Auf ihre Perspektive wollte ich ebenfalls nicht verzichten, da sie mir wichtige Einblicke in das Genre geben kann, dem sich auch die von mir portraitierte Band zuordnet: Worauf muss ich achten, wenn ich mich diesem Genre auf einer visuellen Ebene annähern möchte? Wie stellen sich Künstler*innen aus diesem Bereich selbst dar? Gibt es eine bestimmte Motivik in diesem Musikgenre? Da das Bandportrait nicht nur eine reine Darstellung sein soll, sondern es mir durchaus darum geht, mich dem Genre und der Gruppe ästhetisch anzunähern, verspreche ich mir wichtige Hintergrundinformationen, die mir bisher verwehrt geblieben sind: Denn Chanson ist für mich absolutes Neuland, entsprechend wollte ich nicht ganz blauäugig in das Projekt starten und nur darauf bauen, dass mir die Musik der Band halt gefällt. Bis zu diesem Gespräch im Karlsruher Schlosspark habe ich ein sehr festgefahrenes Bild von Chanson - 20er/30er Jahre, Retrochic, alt. Chanson speist sich laut Postel aber aus so viel mehr und bietet entsprechend viel kreativen Freiraum: Sowohl für die Musiker, als auch für mich als Filmemacher, der das Portrait ebenso als Experimentierfeld sieht. Das Gespräch zeigt mir neue Facetten des Genres und ermutigt mich, mich künstlerisch auszutoben.

Den Musikwissenschaftler Bernhard Steinbrecher besuche ich an meinem vormaligen Studienort Innsbruck. Ihn kenne ich über mein Musikwissenschaftsstudium am Haus der Musik. Steinbrecher ist der perfekte Ansprechpartner, wenn es um Popularmusik in Österreich und Zusammenhänge zwischen Klanggeschehen und sozialen, psychologischen und ästhetischen Fragen geht. Zusammenhänge, die für mein Bandportrait über die Linzer Chanson-Band Djaro und die anonymen Melancholiker von großer Bedeutung sind. Ein Gespräch über Authentizität und Ästhetik in der Musik, aus dem sich u.a. ergibt, dass ich die Band auch innerhalb ihrer Community abbilden möchte: Angesichts der sprachlichen Einfärbung der Texte rät Steinbrecher mir, diese "Einfärbung" eben auch auf Bildebene abzubilden, so z.B. durch "heimische" Orte, die für die Band und ihre Musikszene prägend sind. Auch essenziell ist für mich seine Einschätzung, dass selbst in der heutigen konsumorientierten und schnelllebigen Social-Media-Zeit längere Formate nach wie vor ihren Sinn erfüllen würden und eine Relevanz innerhalb der Gesellschaft hätten. Hierzu hatte ich im Voraus Bedenken geäußert, auch hinsichtlich dessen, wie lang mein Portrait überhaupt sein darf, um gerne geschaut zu werden.

Die Band & das Portrait

Merlin // Gesang, Gitarre
Lolo // Akkordeon, Gesang
Christoph // Cello, Gesang
Felix // Perkussion

alias DJARO UND DIE ANONYMEN MELANCHOLIKER

Linzer Chansons zwischen Gesellschaftskritik und Poesie, so beschreiben die vier Musiker ihre Kunst. Als Musikjournalist und Filmemacher bewege ich mich ebenfalls zwischen diesen beiden Bereichen und möchte gesellschaftsrelevante Themen behandeln, ohne dabei auf das Künstlerische verzichten zu müssen. Diese interessante Parallele hat mich dazu veranlasst, Kontakt zu der Band aufzunehmen.

Auf der einen Seite eine Band – auf der Suche nach dem passenden Ton, hin- und hergerissen zwischen den leisen Tönen und dem Drang, lauter, tanzbarer zu werden. Auf der anderen Seite ich – auf der Suche nach der persönlichen, musikjournalistischen und filmischen Handschrift.
Ein Film darüber, sich (musikalisch) treu zu bleiben, nicht immer mit gesellschaftlichen Trends zu gehen und darüber, die eigene Art zu umarmen. Und last but not least: ein Film über Freundschaft.
This is a Shorthand story for reviewPublished stories don't show this section.

GIVE FEEDBACK TO THE STORY OWNER

This feature is not available in landscape. Please rotate your device.

GIVE FEEDBACK TO THE STORY OWNER

More than 4 characters is required
Name must contain only letters, hyphens, apostrophes, full-stops and spaces
Wait, that does not look like a valid email address!
Your feedback was sent to the story owner.
There is been an issue with submitting your feedback.

TEST ON ANOTHER DEVICE

This feature is not available in landscape. Please rotate your device.

TEST ON ANOTHER DEVICE