Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen. Straight Edge ist eine Bewegung innerhalb des Hardcore Punks, die sich bewusst zum Nüchtern sein entscheidet.
Punk – da denken viele genau an das Gegenteil: an Dosenbier, Party und Extase. Doch im Straight Edge will man ein Leben ohne selbstzerstörerischen Konsum führen. Welche Lebensbereiche und Substanzen dieser "Verzicht" dabei genau betrifft und wie streng die Enthaltung ausgelebt wird, entscheidet jede Person für sich. Gemeinsam ist jedoch der Gedanke, ein Leben mit stets klarem Bewusstsein und ohne toxische Substanzen zu führen.
» In this collapsing world
devastation and death
come crashing down so fast.
This is the stability I seek,
the stability I need. «
Der Name der Bewegung ist auf den Song "Straight Edge" der Band Minor Threat aus Washington, D. C. zurückzuführen. Diese gelten als Pioniere des Hardcore Punks und propagierten in ihrem Song von 1981 ein Leben ohne Drogen. Der wiederholende Slogan "I've got the straight edge" spielt mit der englischen Redewendung "to have an/the edge" und lässt sich etwa mit "Ich hab' den nüchternen Vorteil" übersetzen.
Gerade in einer Szene, in der durch das grunsätzliche Missachten von gesellschaftlichen Konventionen und Vorschriften ein liberales bis verherrlichendes Drogenbild zur Tagesordnung gehörte, stellte der aktive Verzicht von Alkohol und anderen Drogen eine klare Gegenbewegung dar. Eine weitere große Welle brachte in den 1990ern die Band Earth Crisis mit ihrem Vegan Straight Edge und einer musikalischen Öffnung hin zum Metal.
Auslegungssache
Wie genau man Straight Edge auslebt, ist eine individuelle Entscheidung. Ob man zusätzlich zum Verzicht von Drogen auch vegan lebt, kein Koffein konsumiert und/oder das häufige Wechseln von Sexualpartner:innen ablehnt, ist bei jeder Person unterschiedlich. Drei Personen aus der Szene erzählen, wie sie es handhaben.
Odo
ONE, Bass + Vocals
Max
Bar, Angeschimmelt Youth Crew
Tim
Szenegänger
Als Symbol der Straight-Edge-Bewegung gilt ein schwarzes X, das oft auf Plattencovern, Konzertplakaten oder auf Kleidung aufgegriffen wird. Doch auch auf Armbanduhren und Handrücken wird das Symbol getragen. Wie kommt das?
Anfang der 1980er Jahre wurden in den USA minderjährigen Gästen (unter 21 Jahre) die Handrücken mit einem X markiert, wenn sie für ein Konzert den Club betreten wollten. So wurde sichergestellt, dass man sie beim Ausschank an der Bar von volljährigen Gästen unterscheiden konnte.
Die Straight-Edge-Bewegung übernahm dieses Zeichen selbstbestimmt und integrierte es in die Kultur ihrer Szene. 1980 erschien die EP "Minor Disturbance" der Band The Teen Idles. Ihr Cover zeigt zwei gekreuzte Arme mit schwarzen X-Symbolen auf den Handrücken.
So steht das schwarze X heute für die freiwillge und aktive Entscheidung auf Alkohol und andere Drogen zu verzichten. Vor Konzerten bemalen Straight Edger ihre Handrücken mit dem Symbol, andere tragen es als Tattoo auf ihrem Körper.
Das Symbol dient als Erkennungszeichen und Ausdruck der eigenen Identität sowie der Zugehörigkeit zur Szene. Die Band Spark aus Mannheim singt dazu: "May this X be a reminder of who I’m striving to be. Every Day"
» Unclouded and focused
- my one true drive
Unclouded and focused
- this makes me feel alive
Unclouded and focused
- guiding my own way
Unclouded and focused
- kept in fucking stone
Straight Edge! «
Die Motivation
Ebenso wie die konkrete Auslegung von Straight Edge ist auch der Weg in die Szene bei vielen Personen unterschiedlich. Während die einen schon immer keine Drogen zu sich genommen haben, entscheiden sich andere erst im Laufe der Zeit aktiv dagegen und beenden ihren Konsum. Auch das Umfeld spielt eine Rolle: Wie viel Alkohol trinken Menschen in der Familie oder im Freundeskreis? Gab es auch schlechte Erfahrungen mit Alkohol oder anderen Drogen bei nahestehenden Personen oder einem selbst? Vier Personen erzählen ihre Geschichte.
Odo
ONE, Bass + Vocals
Max
Bar, Angeschimmelt Youth Crew
Nic
ONE, Vocals + Gesang
Tim
Szeneanhänger
X X X
Straight Edge als Missionierung?
Vor allem in den 80er und 90er Jahren war die Aufregung um Straight Edge groß. Auf der einen Seite gab es radikale Songtexte bis hin zu Mordphantasien gegen Drogendealer wie im Song Firestorm der Band Earth Crisis, auf der anderen Seite wurden Vegan Straight Edge Bands bei Konzerten teilweise mit rohem Fleisch beworfen oder mit Pelzmänteln provoziert. Auch zu Gewaltausbrüchen zwischen Hardlinern der beiden Lager kam es.
Heute, 40 Jahre später, ist die Lage eine andere. Die Straight-Edge-Szene ist immer noch lebendig, doch ist sie inzwischen ein etablierter Bestandteil der Hardcorewelt. Zwar gibt es noch immer militante Meinungen pro oder contra Straight Edge, allerdings ist die Zeit der hitzigen Grabenkämpfe vorbei.
» Ich mache das für niemand anderen außer mich «
Andy Villhauer organisiert Hardcore Shows in Mannheim und spielt in den Bands Spirit Crusher und Mortal Form. Bis zur Auflösung im März 2024 war er außerdem Teil der regional sehr einflussreichen Hardcoreband Spark.
Im Interview spricht er darüber, wieso er allein für sich selbst Straight Edge ist und wie er die Thematik in seinen Songtexten behandelt hat.
Gegenseitige Toleranz
Doch wie gehen Personen, die Straight Edge sind, mit einem Umfeld um, das Drogen wie Alkohol oder Tabak teils täglich konsumiert? Drei Straight Edger sind sich einig: So wie sie einen respektvollen Umgang mit ihrem Lebensstil erwarten, tolerieren sie auch die Konsumentscheidungen anderer.
Max
Bar, Angeschimmelt Youth Crew
Nic
ONE, Vocals + Gitarre
Odo
ONE, Bass + Vocals
Szenezugehörigkeit
Der Bezug zur Straight-Edge-Szene kann jedoch ambivalent sein. Einige Personen im Hardcore Punk trinken keinen Alkohol und rauchen nicht, bezeichnen sich jedoch nicht als Straight Edge, weil sie keinen persönlichen Bezug zu der Subszene haben.
Wiederum andere leben bewusst einen nüchternen Lebensstil, hören aktiv Straight-Edge-Bands, lehnen jedoch das Label "Straight Edge" ab, weil sie sich selbst nicht kategoriesieren möchten.
Sänger Hansol Seung von der Band Shoreline hatte mit 16 Jahren ein "großes Abgrenzungsbedürfnis". Alkohol trank er sowieso nicht, durch die Band Rise Against stieß er dann das erste Mal auf den Begriff Straight Edge.
Seit 10 Jahren bezeichnet er sich nun so, hat jedoch ein differenziertes Verhältnis zu der Szene, wie er im Interview klarmacht.
Straight Edge Hardcore ist also auch nach über 40 Jahren noch eine lebendige Szene. Die Auslegungen sowie Wege in die Szene sind oft unterschiedlich, doch die Idee von einem freiwilligen und bewussten drogenfreien Leben im Hardcore Punk vereint noch immer.
Text, Kamera, Schnitt, Layout, Konzept: Peter (Pit) Steinert
Kameraassistenz: Emma Dübner, Laura Schiffler, Frodo Steinert
Danke an: Angeschimmelt Youth Crew, Kreativfabrik Wiesbaden, CVLT Shows, Oetinger Villa