Traumberuf Musikerin:

Wenn Leidenschaft auf harte Realität trifft

Als erste Klänge aus den großen silbernen Metallpfeifen ertönen, verstummen die Gespräche der Gäste. Bald schon erfüllt eine engelhafte Stimme den gesamten Raum. Doch gut hinter der großen alten Orgel versteckt, ist nicht zu erkennen wer hier singt.

Das Publikum ist angehalten, für einen kurzen Moment alle Sinne auszuschalten. Alle, bis auf das Gehör. Denn in diesem Moment gibt es nur die Orgel und die unsichtbare Stimme - nicht mehr, nicht weniger.

Normalerweise spielt Astrid nur Klavier und Keyboard, manchmal Gitarre. Dass sie an diesem Abend auch die Orgel spielt war eine spontane Entscheidung. Ein Bekannter bat sie bei seiner Film- und Fotogalerie in einer ehemaligen Kapelle zu performen. „Es wäre doch eine Schande, wenn ich nicht auch ein Lied mit diesem majestätischen Instrument spielen würde", verkündet Astrid kurz vor ihrem Auftritt in ihrem neuen Instagram Post. 

ALL MY LIFE

Work and sing
As much as you want to
They won’t care a thing

Win gold medals
Be the best one
Don’t dare to run

Play sold out shows
Sing your heart out
Comfort their lost souls

They say
“Yea it’s cool, but
Not a real job”
Acceptance is a rare thing
This is what it feels to me

Kleine Auftritte wie diese hat sie immer mal wieder. In Graz ist die 22-jährige Astrid Hirzberger unter ihrem Künstlernamen „Fraeulein Astrid“ bekannt. Seit 2018 versucht sie sich als Solokünstlerin in der österreichischen Musikszene einen Namen zu machen. Damit ist sie eine von vielen. Neben dem Amateurbereich zählte alleine die größte Musik-Urheberrechtsgesellschaft in Österreich, die AKM, im Jahr 2018 über 24.000 Autoren, Komponisten und Musikverleger zu ihren Mitgliedern.

Als jüngstes von drei Kindern wächst Astrid in der Nähe von Graz in einer Musikerfamilie auf. Ihr Vater ist klassischer Musiklehrer und Kapellmeister. Ihr Bruder ist ebenfalls Musiklehrer und übernimmt langsam die Schüler seines Vaters. Doch Astrid ist anders und möchte selbst auf der Bühne stehen um ihre eigenen Songs zu performen. „Meine Eltern haben mich damals immer auf Konzerte mitgenommen. Das regte bei mir das Träumen an. Ich sah die Leute auf der Bühne und dachte mir: Ich will auch so sein.“ 

Sie sang deshalb in verschiedenen Chören, ging auf ein Musikgymnasium in Graz und war dort das jüngste Mitglied der Schulband. Heute studiert sie Musik und nimmt seit ihrem sechsten Lebensjahr regelmäßig Klavierunterricht. Der Traum von der ganz großen Bühne ist für sie bisher aber nicht in Erfüllung gegangen. Außerhalb von ihrer Heimatstadt Graz hat sie noch keine Auftritte gegeben. Für Astrid ist das aber kein Grund aufzuhören.

Bei Konzerten ist ihr Setup auf der Bühne ganz simpel: Ein kleiner unstabiler Klapptisch aus Plastik, auf dem sich ihr Keyboard und ihr silbernes Macbook befinden, daneben ein schwarzer Mikrofonständer und natürlich ihre sanfte Stimme —  mehr braucht sie nicht. Doch die letzten Tage hat sie eine schlimme Erkältung erwischt. Und das, obwohl sie für die kommende Zeit einige Auftritte geplant hat. Zurück in der ehemaligen Kapelle, wo Fraeulein Astrids Auftritt kurz bevorsteht, geht es nun mit einem Thermobecher voll warmen Salbeitee auf die Bühne. Sie darf sich jetzt nichts anmerken lassen, denn es sind viele potentielle neue Fans im Publikum. Die gilt es nun zu überzeugen.

Nach ihrem Auftritt ist Astrid müde und erschöpft. Es lief diesmal nicht wie geplant. Sie ist verärgert und sagt enttäuscht: „Sowas ist mir noch nie passiert. Ich hätte die Leute am liebsten rausgeschmissen.“

UN(EXPECTED) END

the doors are closed
all windows shut
I feel like I am stuck
in my own little head's mess
there is no going on
I feel a little less
we tried, we tried
until my feet were sore
from running away of the truth
there is no proof
we were not meant to be
but now I see
there is no proof we could be

Dass die Menschheit eine immer geringere Aufmerksamkeitsspanne besitzt, müssen auch Musiker und Künstler feststellen. Schon während dem ersten Song merkte Astrid, wie Stimmen weiter hinten im Raum immer lauter wurden und sich die Zuschauer lieber den eigenen Gesprächen widmeten, als andächtig der Musik zu lauschen. Astrid fühlte sich davon auf der Bühne gestört. Beim vorletzten Song konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und sagte: „Ich bin nicht böse auf die Leute, die nicht zuhören. Aber sie könnten auch einfach leise sein.“ 

Astrid kann von der Musik alleine nicht leben. Sie hat deshalb zwei kleinere Nebenjobs in einem Kino und in einem Second-Hand Laden, mit denen sie sich ihr Leben zusätzlich finanziert. Auf die Frage was ihr Plan B sei, wenn es mit der Musikkarriere nicht klappt, sagt sie: „Ich bin nicht an dem Punkt, dass ich über einen Plan B nachdenken müsste  —  weil mein Plan A nicht einmal existiert.“ Mit ihren Eltern kam es deshalb schon öfters zu Diskussionen, auch wenn sie ihre Tochter überall unterstützen und bei ihren Konzerten in der ersten Reihe stehen. Über sogenannte finanzielle Kultur- und Kunstförderungen, wie sie etwa das Land Steiermark anbietet, hat sie sich noch nie gekümmert. Am meisten Angst hat Astrid davor, dass ihr Leben irgendwann mal an ihr vorbeigezogen ist, ohne dass sie es richtig gelebt hat. 

In ihren Songs verarbeitet Fraeulein Astrid ihre tiefsten Gefühle und Gedanken. Sie liebt es dem Publikum mit ihrer Musik eine Geschichte zu erzählen und hat sogar einen eigenen Blog, wo sie die Entstehungsgeschichte hinter ihrer Musik erklärt. So ist ihr erster Songtext zum Beispiel aus tiefstem Herzschmerz heraus geschrieben worden. „Wenn man dann diese Songs performt macht man sich irgendwie nackt und gibt viel von sich preis. Das ist ein arges Gefühl.“ Heute ist sie glücklich in einer Beziehung mit ihrem Freund Oskar. Zurück bleibt jedoch die erste Eigenkomposition von Fraeulein Astrid mit dem Titel „Expected End“.

BUT ART WILL GROW

When I am older
I have one wish
I want a soul there 
who feels the same
so I make a wish
for that special one
while in my head
I quietly realise
that I need to be that one

so I try to forget the good memories that still please my heart
slowly I realise that it takes time to heal 
but art will grow

Das Internet wird im 21. Jahrhundert auch für Künstler immer wichtiger. Für Astrid ist es das normalste der Welt ihr Leben auf sozialen Netzwerken mit hunderten von Menschen zu teilen. Die 22-jährige weiß, wie wichtig diese Plattformen für ihre Generation sind. Gleichzeitig ist sie sich aber auch bewusst, dass nicht alles auf Facebook, Instagram und Co. die Realität widerspiegelt.

Angefangen hat sie bereits als Teenager mit einem Blog über Mode. Heute ist sie hauptsächlich auf Instagram aktiv, wo ihr über 2.600 Leute folgen. Sie zeigt dort wie sie in ihrem kleinen Musikstudio für den nächsten Auftritt probt, welches Outfit sie an diesem Tag trägt oder wie es um die aktuelle Erkältung steht. Dabei ist sie (fast) immer ungeschminkt und filmt sich auch mal aus Winkeln, die nicht ganz so vorteilhaft sind. Authentisch zu bleiben ist ihr sehr wichtig.

Diese Selbstdarstellung in sozialen Medien ist für Künstler wie Fraeulein Astrid nicht nur zusätzliche Werbung sondern auch ein wichtiges Tool, um sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen. Viele ihrer Konzertbesucher kennen sie überhaupt erst durch ihre Aktivitäten im Internet. Astrid meint: „Wenn Instagram zusammenbricht, könnte ich keine Konzerte mehr geben. Es würde einfach niemand mehr kommen.“

Die Digitalisierung hat auch verändert, wie wir unsere Musik hören. Die IFPI Austria, der Verband der österreichischen Musikwirtschaft, veröffentlicht jährlich einen Bericht über den österreichischen Musikmarkt. Demnach lagen im Jahr 2018 die Umsätze mit Online-Musik erstmals vor den Umsätzen mit physischen Tonträgern wie zum Beispiel CDs. Cornelius Ballin, General Manager von Universal Music Austria, erkennt darin einen klaren Trend: „Streaming ist weiterhin auf der Überholspur. Schon fast jeder zweite Euro wird am österreichischen Musikmarkt mit Streaming erwirtschaftet.“

Ein Trend den Astrid bisher strikt verweigert. Sie selbst hört ihre Musik noch auf einem alten abgegriffenen iPod, den sie über alles lieb. Von Streamingplattformen wie Spotify, Deezer oder Apple-Music hält sie nicht viel. Sie findet es schade, dass die Leute dadurch die Künstler nicht mehr richtig unterstützen und meint: „Um als Musiker mit Spotify Geld zu machen brauchst du schon Millionen von Aufrufen.“ Ihre eigenen Songs gibt es daher nur gratis auf YouTube zu hören.

Quelle: IFPI Austria

Quelle: IFPI Austria

HERBSTSEUFZER

Die Vöglein weg geflogen, 
Die letzten Blumen schon verblüht, 
Der Himmel grau umzogen, 
Der Sonne Licht verglüht;

 O Sommer, schöner Sommer, 
Dass so dein Zauber flieht!  

Der Nordwind hat entführet 
Wohl all den lichten, bunten Schein 
Und was er nur berühret, 
Das nickt und schlummert ein. 

O Winter, öder Winter, 
Wie traurig wirst du sein!

Eine Nahaufnahme von Astrids Fingern am Klavier. Ihre silbernen Ringe und die kleinen schwarzen Tattoos an den Händen bewegen sich, während sie ihre Finger sanft auf die weißen und schwarzen Tasten des klassischen Flügels drückt. Die erste Szene ist im Kasten.  

Es ist drei Tage nach Astrids „unglücklichen“ Auftritt. Gesundheitlich geht es ihr immer noch nicht besser. Doch sie möchte das Musikvideo für ihren neuen Song „Herbstseufzer“ heute unbedingt abdrehen. Sie wünscht sich dabei wie immer keine aufwendige Produktion und nicht viel Action. Astrid will nur ein Klavier, ihre Stimme und ihr ungeschminktes Selbst. „Authentisch ist das Wort! Alles muss authentisch sein!“, sagt sie. Ja nicht zu perfekt wirken, denn immerhin ist das erst der Anfang von Fraeulein Astrid. 

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