bewegtes Erbe
Rollenbilder im Ballett
Klare Rollenbilder gehören zum klassischen Ballett?
Nicht wirklich. Auf dieser Reise durch die Ballettgeschichte entdecken wir, wie sich Geschlechterrollen im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt haben und warum heute noch Raum für neue Perspektiven bleibt.
Bal·lett /Ballétt/
italienisch balletto, Verkleinerungsform von: ballo = Tanz
Quelle: Oxford Languages
Das Ballett hat seine Wurzeln in den höfischen Tänzen des 15. und 16. Jahrhunderts in Norditalien und Frankreich. Graziös zu tanzen, gilt als Statussymbol und der Tanz ist ein wichtiger Bestandteil von Festen. Am Hof unterrichten Tanzmeister den Adel. In dieser Zeit beginnt man auch Tanzschritte schriftlich festzuhalten. Der Beginn des Balletts, wie wir es heute kennen, liegt hier noch in der Zukunft.
17. und 18.
Jahrhundert
Die Geburtsstunde des Balletts
Am Hof von Ludwig XIV. (1643-1715) spielt das Ballett eine bedeutende Rolle. Der König tanzt selbst in vielen Aufführungen und nutzt seine Auftritte auch politisch. Sein Auftritt als Sonne im Ballet Royal de la Nuit bringt ihm den Beinamen Sonnenkönig ein. Ludwig XIV. fördert die Entwicklung des Tanzes und arbeitet dafür mit verschiedenen Künstlern seiner Zeit zusammen. Vor allem mit dem Komponisten Jean-Baptiste Lully und dem Ballettmeister Pierre Beauchamp, der als Erfinder der fünf Fußpositionen gilt.
"Im Barock müssen junge Männer tanzen und fechten lernen,
um gute, adelige, noble Männer zu werden."
Dr. Anja K. Arend
Tanzwissenschaftlerin
Professionalisierung
Mit der Gründung der Académie Royale de Danse 1661 übernehmen bürgerliche Tänzer:innen das Kunsthandwerk, da der Adel für das intensive Training keine Zeit hat. Hier werden die Grundlagen des klassischen Balletts geschaffen, die es bis heute prägen. Deshalb ist die Ballettsprache auf der ganzen Welt Französisch.
Frauen auf der Ballettbühne?
Im Gesellschaftstanz tanzen Männer und Frauen schon immer zusammen, oft in Form von Paartänzen. Beim Übergang zum professionellen Bühnentanz stehen Anfangs allerdings nur Männer auf der Bühne.
1681 treten in Paris erstmals Frauen in einem Ballett auf. Obwohl das Datum eher symbolisch ist, markiert es eine wichtige Veränderung: Mit steigenden technischen Ansprüchen wird es notwendig, professionelle Tänzerinnen einzubinden und es eröffnet choreographisch neue Möglichkeiten. Im 18. Jahrhundert ist es dann überhaupt kein Problem mehr, wenn Frauen auf der Bühne tanzen.
19. Jahrhundert
Der Beginn des Spitzentanzes
Im Jahr 1832 beginnt mit La Sylphide eine neue Ära des Balletts. Das Stück erzählt die Geschichte des Schäfers James, der sich in eine Waldfee/Sylphide verliebt. Bei der Uraufführung in Paris tanzt Marie Taglioni, die Tochter des Choreographen Filippo Taglioni, die Hauptrolle. Um die überirdische Sylphide besser von den menschlichen Charakteren abzuheben, tanzt Marie Taglioni erstmals ein ganzes Ballett auf Spitze. Die scheinbare Schwerelosigkeit wird auch durch den weißen Rock unterstützt. Die Aufführung wird ein großer Erfolg und legt den Grundstein für den modernen Spitzentanz.
Die Entwicklung des Tanzes geht mit den Geschichten Hand in Hand. Die schwebende Ästhetik wird weiterentwickelt und auch der weiße Rock wird immer wieder verwendet. Passend dazu sind die bevorzugten Figuren zu dieser Zeit überirdische Wesen und Geister. Neben La Sylphide wird Giselle (1841) zu einem der wichtigsten romantischen Handlungsballette. Ab diesem Zeitpunkt steht die Frau endgültig im Zentrum der Bühne. Marie Taglioni wird zum Inbegriff der romantischen Ballerina mit Tutu und Spitzenschuhen. Ein Bild, das sich bis heute als Klischee gehalten hat.
Aurélie Dupont als Sylphide in Pierre Lacottes Version des Balletts, basieren auf Filippo Taglionis Original von 1832
Technische Entwicklung
Der Spitzentanz löst sich langsam von seiner inhaltlichen Funktion und wir als technische Möglichkeit weiterentwickelt. Mit der Entwicklung des Spitzentanzes rückte auch das Partnering stärker in den Fokus. Also das Konzept, dass der Mann, die Frau im Pas de Deux unterstützt. Interessant ist dabei auch die Entwicklung des Spitzenschuhs: Zu Beginn war er noch längst nicht so verstärkt wie heute. Statt einer flachen, stabilen Form, war der Schuh eher weich und mit Stoff umwickelt.
Insgesamt gibt es eine technische Auseinanderentwicklung. Männliche Tänzer arbeiten vermehrt an kraftvollen Sprungkombinationen, während sich bei den Frauen mehr im Adagio, eher anmutig fließenden Bewegungen, entwickelt.
Pas de Deux
Das Pas de Deux wird zu einem wichtigen Teil des klassischen Balletts. Traditionell zeigt es einen Mann und eine Frau, die gemeinsam tanzen, Soli aufführen und dann in einer Coda wieder zusammenkommen. Während ihrer gemeinsamen Zeit auf der Bühne besteht die Aufgabe des Mannes darin, die Ballerina zu unterstützen und zu präsentieren
"Ein Großteil des Repertoires aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert ist auf die zur Schaustellung der Ballerina angelegt. Der Ballerino, der tanzende Mann ist in erster Linie da, um der Ballerina zum Erfolg zu verhelfen und rückt in den Hintergrund."
Christoph Gaiser
Dramaturg Bayerisches Staatsballett
Natalia Osipova und Matthew Golding, Pas de Deux aus Schwanensee
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Ballett vor allem in Russland weiterentwickelt. Das Mariinski-Ballett in St. Petersburg und das Bolshoi-Ballett in Moskau zogen Tänzer:innen aus der ganzen Welt an. Diese Zeit brachte großer Werke wie Schwanensee, Dornröschen und Der Nussknacker hervor.
Das 19. Jahrhundert bringt viele Ballette hervor, die heute noch als Klassiker gelten und sich weiter im Repertoire halten. Bestimmte Rollenbilder, die wir bis heute vom Ballett haben, hängen mit diesen Balletten zusammen.
"In den klassischen Balletten sind die Rollen oft auch von Stereotypen geprägt. Meist gibt es einen handelnden Prinzen oder König und dazu eine Prinzessin oder ein Bauernmädchen, das oft passiv bleibt und wenig Einfluss auf ihr Schicksal hat – sei es, dass sie verheiratet wird oder an gebrochenem Herzen stirbt."
Dr. Anja K. Arend
Tanzwissenschatlerin
20. Jahrhundert
Bruch mit der Tradition
Gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt sich eine große Gegenbewegung zum klassischen Ballett: der moderne Tanz. Ab den 1880er-Jahren wird die ganze Ästhetik des Balletts hinterfragt. Statt der klassischen und idealisierten Darstellung wird der natürliche Körper in den Mittelpunkt gestellt, und mit Modern Dance und Ausdruckstanz wird versucht, etwas Neues zu schaffen.
"Tanzgeschichtlich ist interessant, das dann eigentlich in den 1920 er Jahren eben mit dem deutschen Ausdruckstanz, oder auch im American Modern Dance der tanzende Mann, auch als ganzer Mensch und Ausdrucksträger viel wichtiger wird."
Christoph Gaiser
Dramaturg Bayerisches Staatsballett
Neoklassizismus
Der Neoklassizismus im Ballett entsteht in den 1930er-Jahren. Einer der wichtigsten Vertreter ist der Choreograph George Balanchine. In New York gründet er das New York City Ballet und die School of American Ballet, um einen neuen Stil zu schaffen, der schneller und dynamischer ist als das klassische Ballett. Statt auf märchenhafte Geschichten und große Bühnenbilder setzt man auf eine schlichtere, modernere Ästhetik. George Balanchine prägte den Satz Ballet Is Woman und rückte die Ballerina zurück in den Fokus.
Sarah Lamb und Steven McRae, Pas de Deux aus Jewels
Matthew Bourne, Schwanensee von 1995
Neuinterpretationen
Einige Choreograf:innen des 20. Jahrhunderts legen eigene Versionen der Klassiker vor und brechen damit alte Rollenvorstellungen.
"Wegweisend war dabei Matthew Bourne, der Schwanensee aus dem Zwang befreit hat, die Schwäne nur als leichte, zarte Wesen darzustellen. Indem er den männlichen Körper einsetzt, zeigt er die Schwere des Schwans, das flügelschlagende, kraftvolle Tier. Dadurch entsteht ein völlig neues Stück."
Christoph Gaiser
Dramaturg Bayerisches Staatsballett
...und heute?
Heutzutage haben die meisten Ballettkompanien eine Mischung aus Klassik und zeitgenössischem Tanz im Repertoire. Im Zeitgenössischen spielt es oft keine Rolle mehr, wer welche Rolle übernimmt – also was ein Mann und was eine Frau in einem Stück macht. Die Klassiker und das klassische System mit seinen Regeln, Körperbildern und Idealen spielen aber nach wie vor eine bedeutende Rolle. Gleichzeitig sind Tänzer:innen zunehmend vielseitiger ausgebildet und der Blick auf das Ballett ändert sich mit jeder Generation. Einen tieferen Einblick gibt es auch in der Dokumentation: Rollenbilder von gestern? Das Ballett im Wandel
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