Zwischen Analog und Digital
Unterschiede der beiden Aufnahmetechniken
Musik kann alles. Und alle können Musik machen. Zumindest heutzutage. Man benötigt keine teuren Geräte mehr, keine Mikrofone, Verstärker oder Effektgeräte. Alles läuft über den PC. Digital Audio Workstations (kurz DAW) sind Programme, mit denen man Musik aufnehmen und bearbeiten kann. Durch PlugIns öffnet sich eine Welt aus unbegrenzten Möglichkeiten. Jeder erdenkliche Klang ist auffindbar. Dazu gibt es noch unzählige Effekte, die man auf einen Klang anwenden kann. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
Rawi ist Musikproduzent. Für seine Aufnahmen benötigt er allerdings keinen PC. Er arbeitet nämlich analog wie in den 50er- und 60er-Jahren. Schon lange sammelt Rawi analoges Aufnahmeequipment. Davon hat er so viel, dass es für ein kleines Tonstudio reicht, in dem Musiker*innen seit fast 15 Jahren ihre Musik ganz authentisch, wie damals eben, aufnehmen können.
Beim Besuch in seinem Tonstudio nimmt er einen Song mit den Booze Bombs auf, einer befreundeten Rockabilly-Band, die nicht nur so klingt wie aus den 50ern, sondern auch so aufnimmt. Rawi spielt an diesem Tag selbst auch Kontrabass mit. Deswegen hat er sich Hilfe von Patrick geholt, der die Aufnahme überwacht.
LUDVIC ist Musikproduzent für Popmusik. Er arbeitet rein digital, also komplett über den PC und ein verbundenes Keyboard, mit dem er Melodien einspielen kann. Das geschieht aber selten allein. Meistens arbeitet er mit anderen Musiker*innen zusammen. In der Regel sind das Sänger*innen, die sich bei LUDVIC Unterstützung für neue Songs suchen. In gemeinsamen Sessions entwickeln sie dann Ideen und nehmen sie auf.
Für diese Website wird LUDVIC bei einer Online-Session begleitet. Jan, Songwriter und guter Kumpel, sitzt bei sich zu Hause und ist per Face Time zugschaltet.
Auf dieser Website möchte ich die signifikanten Unterschiede der beiden Produktionsarten herausarbeiten.
analog_1: Wohin mit dem ganzen Kram?
Wenn man einmal im Regieraum bei Black Shack Recordings steht, fällt direkt auf: Analog braucht Platz. In der Mitte das Mischpult, am Rand Tonbandmaschinen und allerlei weitere Geräte. Und all das nur, um Musik, die im Nebenraum gespielt wird, aufzunehmen. E-Gitarre, Schlagzeug, Kontrabass und Gesang werden auf ein Tonband aufgenommen. Am Mischpult kann man die einzelnen Instrumente einpegeln. An manchen Geräten kann man auch Effekte einstellen, wie z.B. Verzerrung.
digital_1: Viel Platz, wenig Kram
LUDVIC sitzt zwar in einem riesigen analogen Tonstudio, was er davon aber tatsächlich benutzt, ist der PC, das Keyboard, zwei Lautsprecher und ein Regler, um die Abspiellautstärke anzupassen. Nicht einmal Gesang muss LUDVIC aufnehmen. Das macht Jan nämlich bei sich zu Hause.
LUDVIC könnte sein Setup ohne Probleme noch weiter einschrumpfen bis auf einen Laptop. Damit könnte er am Swimmingpool mit einem Cocktail in der Hand produzieren.
analog_2: aufnehmen, anhören, alles nochmal
Beim analogen Produzieren muss der Song stehen, bevor man ins Studio geht. Das Tonband hat Platz für ca. zwölf Takes, dann ist es voll. Da ist kein Raum für spontanes Ausprobieren. Die Booze Bombs nehmen ihren Song deswegen auch komplett am Stück auf. Nach ein paar Takes gehen sie gemeinsam in den Regieraum und hören sich das Ergebnis an. Im Anschluss werden dann Anpassungen vorgenommen, z.B. bei der Lautstärke.
Im nächsten Slide hört man das Ende des Songs. Im Anschluss bespricht sich die Band im Regieraum.
digital_2: Der Song entwickelt sich Stück für Stück
LUDVIC hat unendlich viel Platz für Tonspuren. Wenn er möchte, könnte er 1000 verschiedene Drumsounds einfügen. So einfach, wie man einen Sound hinzufügen kann, kann man ihn auch wieder löschen. Das gibt LUDVIC die Möglichkeit, immer wieder neue Ideen einzubringen. Tatsächlich steht zu Beginn der Session rein gar nichts. Es fängt also an mit einer Akkordfolge und ein paar Drums, die sich LUDVIC ausdenkt und direkt danach aufnimmt.
Im nächsten Slide kann man sehen, wie LUDVIC den Grundbeat baut und sich dabei mit Jan abstimmt.
analog_3: Teamwork makes the dream work
Nur eine Tonspur bedeutet, alles muss gleichzeitig aufgenommen werden. Jedes Instrument braucht also eine Person, die es spielt. Die Aufnahme der Booze Bombs ist Teamarbeit. Klar hat Rawi den Überblick über die Technik und kann daher mehr beisteuern, allerdings tragen alle ihren Teil bei, damit das Endergebnis stimmt.
digital_3: Two man show
LUDVIC baut den Beat. Dadurch, dass dieser Stück für Stück entsteht, kann LUDVIC auch jeden Rhythmus, jede Melodie und jeden Effekt selbst einspielen. Jan steuert den Text bei. Immer mal wieder spielen sie sich gegenseitig Passagen vor und geben sich einander Feedback. Das sind aber meist nur kleine Änderungen.
analog_4: Viele Versionen von einem
Jeder Take beim analogen Aufnehmen ist einzigartig. Ganz am Ende muss die Band dann entscheiden, welcher Take ihnen am besten gefällt. Vielleicht geht ein Durchlauf fünf Sekunden länger als der andere, im nächsten Take ist dafür das Intro etwas rhythmischer.
Ein gutes Beispiel für diese kleinen Veränderungen ist das zweite Gitarrensolo, das immer ein wenig anders klingt. Exemplarisch kann man im folgenden Video zwei Versionen vergleichen.
digital_4: eine Version, mehr nicht
Da LUDVIC nicht den ganzen Song am Stück aufnimmt, hat er auch am Ende nicht mehrere Takes, sondern die eine Version, die sich mit der Zeit herauskristallisiert hat. LUDVIC hat eine Idee im Kopf und spielt diese dann so lange ein, bis sie ihm gefällt. Alle anderen Versuche werden direkt gelöscht, sobald ein neuer Take aufgenommen wird. Somit ist der letzte Versuch immer auch der beste Versuch.
Als Beispiel dient hier der Gitarrenpart im Refrain. In seltenen Fällen greift auch LUDVIC zu physischen Instrumenten.
analog_5: Session durch = Song im Kasten
bei einer analogen Aufnahme, v.a. wenn man nur ein Tonband verwendet, gibt es im Nachhinein nicht mehr allzu viel zu tun. Schließlich sind alle Instrumente zusammen auf einer Monospur, da ist nichts mehr mit Lautstärke anpassen oder Effekte hinzufügen, es sei denn, man möchte es gleich stark auf den kompletten Song anwenden.
Übrigens: ganz ohne Computer arbeitet auch Rawi nicht. Nach der Aufnahme wird das Tonband digitalisiert und von dort an weiter bearbeitet. Was nämlich möglich ist: verschiedene Takes miteinander kombinieren. Wenn eine bestimmte Stelle in einem anderen Take besser gelungen ist, kann man diese im Nachhinein ersetzen. Der Aufwand hält sich aber in Grenzen.
digital_5: der nicht fertig werdende Song
Unbegrenzte Möglichkeiten sind Fluch und Segen zugleich. Segen, weil man seine artistische Version sehr detailliert abbilden kann. Fluch, weil man theoretisch unendlich lang weiterarbeiten kann. Jede Spur kann nachträglich ausgetauscht, neu aufgenommen oder bearbeitet werden. Man kann immer wieder neue Sounds hinzufügen. Das Endprodukt hat man also nur, wenn man sich aktiv dazu entscheidet, dass der Song jetzt fertig ist. Auch LUDVIC ist am Ende seiner Session noch nicht fertig mit dem Song und beschließt, ihn zu einem späteren Zeitpunkt fertigzustellen.

