FARBIGE STIMMEN

GRAFFITI IN MÜNCHEN

Ein wütendes Krokodil, ein kiffender Alien und dazwischen ein nackter Hintern mit der Aufschrift „War“.

Das ist kein futuristisches Weltuntergangsszenario, das ist Kunst. Und zwar im Herzen Münchens.

Seit den 1980er Jahren gehört Graffiti zum Stadtbild und damit ist München die erste Stadt Deutschlands, in denen erstmals kleinere Schriftzüge an Hauswänden auftauchten. In München wurde der erste S-Bahn Zug Europas – der Geltendorfer Zug – besprüht. Schon 1985 gab es die ersten größeren Freiflächen in der Dachauer Straße, während heute – als aktuell einzige „Hall of Fame“ – dieTumblingerstraße besonders bunt ist. 

Was für die einen Kunst ist, ist für die anderen Sachbeschädigung. Was dem einen gefällt, findet der nächste hässlich. Was der eine legal macht, macht der andere illegal. 

Die Stadt bietet bereits Flächen zum legalen Sprühen, Vereine helfen jungen Sprayern bei Gerichtverhandlungen und illegale Graffitis leben in friedlicher Co-Existenz neben legalen Werken: Denn die Szene hat Regeln. Die Szene hat Grenzen. Die Szene ist bunt. Genauso wie die Meinungen dazu: Ein Stimmenfang.

Kunstwerk neben Kunstwerk in der Tumblingerstraße: Auf einer Backsteinmauer, die das Viehhofgelände umzäunt, reihen sich Schriftzüge an Comicfiguren und kleine Kritzeleien an meterhohe, präzise gemalte Fantasiewesen. Das Areal ist seit 2014 die einzige legale Hall of Fame in München, also eine Ausstellungsfläche für alle Sprühkünstler. Die Fläche gilt als Zwischennutzung und wird von der Stadt gefördert. "Hall of Fame" impliziert jedoch nicht zwangsläufig, dass diese Sprühflächen offiziell genehmigt sind. Die Wände rund um den Club Bahnwärter Thiel in der Tumblingerstraße sind dagegen mit Einverständnis der Stadt zum Sammelsurium von Kunstwerken geworden.

STIMMEN DER STADTVERWALTUNG

München ist allerdings nicht nur in der Isarvorstadt bunt. Wenn man darauf achtet, sieht man immer mal wieder kleine Figuren, Kürzel, aber auch ganze Ansammlungen größerer Graffiti, die das Stadtbild prägen. Auch dafür ist teilweise die Stadt verantwortlich.

Angaben der SZ zufolge gab es 2018 trotz legaler Freiflächen rund 500 illegale Sprayer, die sich an Münchens Hauswänden, Zügen und anderen Flächen austobten. Die Münchner Bewohner können so eine Bandbreite an Kunstwerken, die in der ganzen Stadt verteilt sind, bestaunen. Gerade rund um die Hall of Fame könnte man damit Stunden verbringen, doch wie stehen Anwohner der Tumblingerstraße eigentlich zur Street Art?

STIMMEN DER ANWOHNER

"Ich mag Städte, die Graffitis haben, weil sie einen Ausdruck der Gesellschaft darstellen."

"In München wird viel dagegen gemacht, obwohl es viel wichtigere Probleme gäbe."

"Ich mag keine Tags, das ist unkreativ."

"Auf Zügen muss es nicht unbedingt sein."

"Hier find ich es geil, weil es eine Kunst für sich ist und man es machen kann."

Bildhaftes finden viele schön - Tags dagegen nicht.

Mit "Graffiti" wird mittlerweile einiges betitelt: Gesprühtes mit Spraydosen, Filzstiftstriche, Bilder wie auch Wörter. Insbesondere Namenskürzel (Tags) sind im Stadtbild weit verbreitet. Diese sind aber längst nicht alles - hier ein paar Beispiele verschiedener Sprayarten:

TAGS

Unterschrift | Logo

BUBBLE STYLE

Rund gehaltene Buchstaben

THROW UP

Einfacher Schriftzug | Outline und Fill in

SIMPLE STYLE

Weiterentwicklung des Throw up | relativ einfach zu lesen

CHARACTER

Figuren

WILD STYLE

Nicht leserlicher, wilder Schriftzug

Als in den 1970er Jahren in New York die ersten Graffiti weltweit auftauchten, waren das überwiegend Tags. 10 Jahre später war diese Form auch in München die Erste, die man an Mauern, Schildern oder Pfählen immer öfter sah.

Kaum einer kennt diese Zeiten besser als Loomit, denn er war selbst einer der ersten Sprayer in der Stadt. Und wie sich im Interview zeigt, hat auch er ganz klein angefangen...

STIMME DER KÜNSTLER

Während Loomit zum Beispiel nur noch legal arbeitet, gibt es - wie schon gezeigt - eben auch einige Sprayer, die ihre Kunstwerke in Nacht und Nebelaktionen illegal sprühen. Diese halten sich in der Öffentlichkeit eher zurück, denn neben den rechtlichen Bestimmungen – zum Beispiel Sachbeschädigung –, gibt es auch ungeschriebene, interne Szeneregeln, die selbst von neuen Sprayern gekannt und unmittelbar befolgt werden. Unter anderem gilt:

Die Szene schweigt.

Jeder Künstler verfügt über ein/mehrere illegale und je nachdem über ein legales Tag, das nicht kopiert werden darf.

Legale Graffiti werden nicht übersprüht.

Werden die Regeln nicht eingehalten, kommt es zu Strafen: von Übersprühen der jeweiligen Werke, bishin zu Körperverletzung.

Da die Szenemitglieder also keinesfalls ein Wort über interne Details verlieren dürfen - wie einige Mittelsmänner bestätigen - konnte leider kein Kontakt zu einer "illegalen" Künstlerstimme hergestellt werden.

Ob legal oder nicht: Die Sprayerszene hat viele Unterstützer in der Stadt - sehr zur Freude vieler Kunstbegeisterter. Dementsprechend gibt es auch einige Unterstützerstimmen.

STIMMEN DER UNTERSTÜTZER

BRÜCKE MÜNCHEN

Die Brücke München hat es sich zur Aufgabe gemacht mit dem ProGraM (Projekt Graffiti München), wenn es zum Konflikt zwischen Sprayern und "Geschädigten" kommt, eine möglichst zufriedenstellende Lösung für beide Seiten zu finden und hilft vor allem jungen Sprayern vor Gericht.

DIE FÄRBEREI

Die Färberei arbeitet mit Sprayern zusammen und setzt sich unter anderem für Freiflächen ein, wie beispielsweise mit dem Projekt Isart, im Rahmen dessen jährlich die Pfeiler der Brudermühlbrücke neu besprüht werden. Zudem wird jungen Künstlern regelmäßig angeboten das Atelier der Färberei zu nutzen.

POSITIVE PROPAGANDA

Der Kunstverein Positve Propaganda e.V. steht für unabhängige Kunst im öffentlichen Raum. Nachdem München einst Vorreiter in Sachen Graffiti war, verbindet man die Stadt aktuell eher wenig damit: In Zusammenarbeit mit (internationalen) Künstlern hat es sich der Verein zur Aufgabe gemacht, dies wieder zu ändern.

STIMME DER AUTORIN

Vielen Dank an: Loomit, die Stadt München, meine Mittelsmänner und -frauen, Kathi, die Anwohner der Tumblingerstraße, meine NMJ-KollegInnen und dir fürs Lesen.

Weitere Quellen: graffitiseite-muenchen.de | abendzeitung-muenchen.de | sueddeutsche.de | positive-propaganda.org | bruecke-muenchen.de | diefaeberei.de

Bilder, Text und Ton: © Christina Winkler | 2019

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